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5.5.2012  Der beste Trainer der Welt

(NG) Die traurige Nachricht erreichte die Öffentlichkeit am letzten Montag, nachdem seine Familie damit an die Öffentlichkeit gegangen war: Heinz Jentzsch, der erfolgreichste Galopptrainer Deutschlands und auf dem gesamten Globus ist im Alter von 92 Jahren am letzten Samstag in der Baden-Badener Stadtklinik einem schweren Herzleiden erlegen. Turfdeutschland trauert!




Quelle Bild: www.galoppfoto.de




Wenn von der FAZ herunter bis zum Boulevard-Blatt in einer über dem Durchschnitt von zehn oder mehr Zeilen liegenden Berichterstattung über den deutschen Galopprennsport erscheint, dann gibt es nur zwei Gründe: Entweder es ist auf dem grünen Rasen etwas ganz Überdurchschnittliches passiert, wie zum Beispiel der Arc-Sieg von Danedream, oder es ist etwas Tragisches passiert.

Wie der Tod der Turf-Legende Heinz Jentzsch. Es ist in der Tat eine Verabschiedung von einem Menschen, der den deutschen Rennsport in einer noch nie zuvor dagewesenen und vermutlich auch nie mehr vorkommenden Weise geprägt hat. Dafür steht nur eine Zahl des in Neuenhagen bei Berlin geborenen Mannes, die er von 1942 aus allerkleinsten Anfängen bis 1999 erreichte: 4029 Siege!

Wie man diese, auch weltweit unerreichte Zahl, erreichen kann, wissen vermutlich nur die Götter, oder eben Heinz Jentzsch. Doch wer es sich erlaubte, nach seinem Erfolgsrezept zu fragen, bekam nur dieses berühmte Achselzucken zu sehen. Und dann dieser eher fragende Blick nach dem Motto: «Das weiß ich auch nicht genau.»

Doch genau da fing dann der Spaß mit diesem Menschen an. Denn, wenn man nachbohrte, dann reihte sich urplötzlich und durchaus auch aus sprudelndem Munde ein Mosaiksteinchen auf Mosaiksteinchen an und nach nur wenigen Minuten war einem klar: Wenn das so ist, dann musste das von Heinz Jentzsch trainierte Pferd gewinnen, ganz klar.

Doch im Grunde war gar nichts klar. Welche Gaben besaß dieser Mann, der es von ganz unten nach ganz oben schaffte. Es über zahlreiche Trainerstationen in Hoppegarten, Dresden, München nach Köln schaffte. Dort, wo er den Asterblüte-Stall im Weidenpescher Park zu einer nahezu endlosen Erfolgsschmiede formte.

Seine letzte Station als Trainer war nach seinem Rücktritt Ende der Neunziger Jahre in Köln auf Wunsch der Familie Ostermann die Raffelberger Galopprennbahn in Mülheim-Ruhr. Auf der Anhöhe im Iffezheimer Bogen hatte sich Heinz Jentzsch und seine Frau Margarethe längst ein wunderschönes Domizil gebaut, dort verlebten die beiden ihren Herbst des Lebens.

Wo fängt man an, bei dieser Erfolgsgeschichte. Chronologisch wäre logisch, aber vielleicht auch zu simpel. Er, dessen Berliner Dialekt immer wieder herauszuhören war, hätte gesagt: «Schreiben Sie doch am besten ja nix, wen interessiert das schon.»

So war er. Irgendwie war es für ihn eine Selbstverständlichkeit, Rennen zu gewinnen. Dahinter steckte – natürlich - System. Es schätzte die Präzision der Vorbereitung seiner Schützlinge zu den Rennen. Jedes Pferd individuell einzuschätzen, das war seine ganz große Stärke. Wenn er bei der 'Stallparade' der Sport-Welt über einen noch ungeprüften Dreijährigen davon sprach, «der könnte im Ausgleich II landen», dann konnte man darauf setzen, dass dies so eintrat.

Nicht Ausgleich III und nicht Ausgleich I, eben Ausgleich II. Er fand für jedes Pferd den richtigen Deckel auf den Topf, spricht für jedes Pferd das auf ihm zugeschnittene Rennen. Was – fairerweise gesagt – heutzutage bei dem dezimiert angebotenen Jahresprogramm für die Trainer eine noch größere Herausforderung ist.

«Jentzsch, in den letzten Wochen haben wir tollen Nachwuchs in Fährhof bekommen. Die meisten sind Hengste», so der Gründer des Gestüts Fährhofs, Walther J. Jacobs, bei einem seiner Telefonate in den Achtziger Jahren mit dem Kölner Coach. Der kurz und trocken erwiderte: «Hengste sind mir auch lieber».

Zwei, drei weitere Sätze, Ende des Telefonats. Als E-Mail-, SMS und Facebook noch gefühlte Schaltjahre entfernt waren, kommunizierten zwei Leute auf einer knappen und vertrauenswürdigen Basis, die heute kaum noch vorstellbar ist. Beide, Walther Jacobs und Heinz Jentzsch, stehen für größte Erfolge in der deutschen Vollblutgeschichte. Das Streben nach dem absolut besten Ergebnis für jedes Pferd, das war das Ziel, welches sich Heinz Jentzsch immer wieder setzte.

Doch auch die größten Erfolge galten für Heinz Jentzsch so etwas wie normale Arbeitstage. Feiern sollten andere. Neben den Hamburger Tagen mit seinen acht Derby-Siegern, zählte, dies hatte man bei Gesprächen mit dem Abonnement-Champion immer wieder heraushören können, der deutsch-deutsche-Wiedervereinigungs-Renntag im März 1990 nicht zu solchen 'Arbeitstagen'.

Es war ihm ein besonderes Ereignis. Heinz Jentzsch hatte sich natürlich auf diesen Renntag vorbereitet, er sattelte den Sieger Procorum im Hauptrennen. Doch was noch viel wichtiger war, Heinz Jentzsch blickte auf der Bahn, im Osten Berlin liegend, zurück auf die Jahre, wo er in seiner Kindheit seine ersten Ritte ausgeführt hatte.

Dort, wo er in Neuenhagen und somit nur einen Steinwurf von Hoppegarten entfernt, bei Vater und Großvater im Stall gelernt hatte. Er erinnerte sich, dass er in der Berufsschule, zusammen mit Hein Bollow, die Theorie pauken musste.

Heinz Jentzsch dürfte einen entscheidenden Instinkt gespürt haben: Er merkte, dass er sich auskannte mit den Pferden, er konnte sie 'lesen' und mit ihnen 'sprechen'. Was immer das auch bedeutet. In Dresden begann seine Trainerlaufbahn, 1942 sattelte er seinen ersten Sieger. Drei Jahre später, nach der verheerenden Bombardierung von Dresden, spannte er seine zwei noch verbliebenden Pferde vor ein morsches Fuhrwerk und machte sich auf den Weg gen Westen.

Über amerikanische und französische Kriegsgefangenschaft, Stationen in Frankfurt, Köln, Hannover und Bad Harzburg fand er wieder den Weg zurück nach Neuenhagen, wo er den Stall seines 1947 verstorbenen Vaters weiterführte.

Ein Auge hatte seit seiner Zeit in Dresden ein Mann auf Heinz Jentzsch geworfen, der im späteren Leben eine entscheidende Rolle spielen sollte: Ferdinand Leisten. Das Kölner Urgestein war maßgeblich daran beteiligt, dass Heinz Jentzsch doch noch in der Domstadt landete. Zunächst noch über München-Riem, wo Ferdinand Leisten aber bereits ein Pferd zu Heinz Jentzsch in Training gegeben hatte.

Dass seine Frau Margarethe den Wechsel in den Westen entscheidend unterstützte, verhehlte Jentzsch nie. Zwei Jahre dauerte das Riemer Intermezzo, dann war Heinz Jentzsch wieder in Köln. Der Beginn einer der glanzvollsten Karriere nahm endgültig ihren Anfang.

Sämtliche Namen, Zahlen und Daten, die unter der Ägide von Heinz Jentzsch in seinem Asterblüte-Quartier in Verbindung zu bringen, würde ein Buch füllen. Richten wir den Fokus auf das Deutsche Derby. Zum Rennen aller Rennen hatte Heinz Jentzsch immer schon ein ganz besonderes Verhältnis.

«Glauben Sie ja nicht, dass immer der Beste im Jahrgang das Derby gewinnt. Es ist das verrückteste Rennen des Jahres», davon war er fest überzeugt. Ein Beispiel: So war er sich ziemlich sicher, dass der Fährhofer Tombos das Deutsche Derby gewinnen würde. Der Hengst lief extrem schwach, landete unplatziert und Jentzsch schüttelte immer wieder den Kopf, wenn man ihn auf dieses Derby ansprach. «Was da los war, ich weiß es bis heute nicht», so sein knapper Kommentar.

Achtmal und soviel wie kein anderer, sattelte er den Derby-Sieger. 1969 fing es im Schlenderhaner 100-jährigem Jubiläumsjahr an, als Don Giovanni siegte. Ein Jahr später waren nach einem spektakulären Rennen die Jentzsch-Pferde Alpenkönig und Lombard eins-zwei. Ein vorausgegangener Fehlstart dürfte der Nummer eins, Lombard, den Sieg gekostet haben. Doch Alpenkönig bewies anschließend mit seinen Erfolgen im Großen Preis von Nordrhein-Westfalen und Großen Preis von Baden, dass sein Derby-Erfolg kein Zufall war.

Natürlich machte auch Lombard noch große Karriere und insgeheim war diese 'Galoppiermaschine' stets einer seiner Lieblinge gewesen. Jedenfalls geriet er immer etwas ins Schwärmen, wenn er von diesem charakterlich nicht einfachen, aber so ungemein talentierten Schlenderhaner sprach.

Es war glühend heiß und das Geläuf knüppelhart, als Heinz Jentzsch 1976 natürlich wieder einmal mit mehreren Pferden im Derby vertreten war. Der klassische Sieger Swazi trug die erste Farbe, doch es gewann sein Stall- und Zuchtgefährte Stuyvesant unter Ralf Suerland mit der 'halben Bahn'.

«Der Hengst hatte gewaltige Ausmaße, er bekam in der Startmaschine hin und wieder Platzangst und sprang somit sofort und blitzschnell ab, wenn den Starter auf der Knopf drückte. Und ich wusste, er konnte diesen Boden. Da haben wir ihn einfach gehen lassen, am Ende war er ganz allein auf weiter Flur.» Ganz andere Voraussetzungen gab es zwei Jahre später in Hamburg, als der Außenseiter Zauberer mit Bernd Selle zum Zuge kam.

Vom 'Sumpfderby' war die Rede und der Bona-Hengst war solch ein Sumpfhuhn. 1984 kamen zwei Pferde Kopf an Kopf über die Linie und Heinz Jentzsch dürfte es egal gewesen, wen das Zielfoto als Sieger ausweisen würde. Es waren die von ihm gesattelten Lagunas und Apollonios, wobei es der Fährhofer Lagunas unter Georg Bocskai geschafft hatte. Zwölf Monate später war wieder ein Fährhofer vorne.

Wie sich später herausstellen sollte, ein ganz Großer des Turfs: Acatenango, der unter Andrzej Tylicki die beiden ebenfalls von Jentzsch trainierten Pontiac und Lirung hinter sich ließ. Fragte man Heinz Jentzsch später einmal, wer wohl das beste Pferd gewesen sei, dass er je trainiert habe, bekam man kein Ranking zur Antwort.

Aber der Name Acatenango fiel immer, wie auch der von Lando, der acht Jahre nach Acatenango das Deutsche Derby gewann, wiederum mit Andrzej Tylicki im Sattel. Und wie Acatenango, der den Grand Prix de Saint-Cloud unter Steve Cauthen ein Jahr nach seinem Derby-Triumph gewann, sorgte auch der Ittlinger Lando für eine internationale, womöglich noch spektakulärere Sternstunde des deutschen Turfs.

Unter Michael Roberts gelang dem Sohn von Acatenango der Erfolg im Japan Cup. Noch mit einer Blessur am Bein aus dem Breeders‘ Cup in New York war Lando in Tokio angekommen, der Start stand noch auf der Kippe, doch Heinz Jentzsch fand die perfekte Vorbereitung auf das Millionen-Rennen in Fernost. Was Roberts, der immerhin auch Stalljockey bei Sheikh Mohammed war, zu dem knappen aber außergewöhnlichen Kommentar hinriss: «Jentzsch ist der beste Trainer der Welt».

Was soll man da noch groß anführen. Laroche war ein Jahr nach Lando erneut ein Ittlinger, den Heinz Jentzsch auf der Tag X in Hamburg in absoluter Bestform präsentierte. Mit Steve Eccles im Sattel siegte er in 'Stuyvesant-Manier'. Wenn man sich die Siegreiter für Heinz Jentszch im Deutschen Derby ansieht, dann ist dies eine recht kunterbunte Auswahl.

Ein englischer Spitzenjockey wie Brian Taylor (Don Giovanni), Peter Kienzler (Alpenkönig), Bernd Selle (Zauberer) oder Steve Eccles (Laroche), die nicht die erste oder zweite Farbe im Derby trugen, wie auch Ralf Suerland (Stuyvesant) oder die Stalljockeys Georg Bocskai (Lagunas) und Andrzej Tylicki (Acatenango/Lando/), dann kann man folgende These von Heinz Jentzsch durchaus unterstreichen: «Große Rennen werden nicht ausschließlich mit Spitzenjockeys gewonnen.

Es geht immer darum, wer die wenigsten Fehler macht. Hat ein junger Jockey einen richtigen Lauf, dann kann auch er bedeutende Rennen gewinnen. Ich habe dies oft erlebt. Aber letztendlich ist es ja so, dass ein Spitzenjockey insgesamt gesehen, die wenigsten Fehler macht und am Ende meist die Nase vorne hat.»

Brizanz war 1962 die erste klassische Siegerin von Heinz Jentzsch gewesen, nahezu unzählige 'Classic-Points' sollten folgen. Ob bei den Stuten oder bei den Hengsten. Wir kommen auf insgesamt 44 klassische Erfolge. Und dann wären auch noch die 'Galopper des Jahres', die im Asterblüte-Stall auf Hochglanz poliert wurden. Wie Hitchcock, Alpenkönig, Lombard (2mal), Esclavo, Acatenango (3mal), Monsun und Lando.

Vor letzterem (Japan Cup), Acatenango (Grand prix de Saint-Cloud) und Lirung (Prix Jacques le Marois) hatte Heinz Jentzsch mit Hitchcock, Dschingis Khan und Priamos in Frankreich bis dahin kaum schon gekannte nachhaltige Akzente für die deutsche Vollblutzucht auf der internationalen Bühne gesetzt. Aber auch Namen wie – ohne Anspruch auf irgendeine Vollzähligkeit – Abary, Anatas, Ataxerxes, Bacchus, Days at Sea Ebano, Experte, Solon oder Zampano, stehen für größte Erfolge.

Sensationelle 31 Mal stand Heinz Jentzsch an der Spitze der Statistik, und es ist natürlich klar, dass er dies nicht nur mit Ausnahmepferden schaffte. Er galt wie schon eingangs erwähnt, auch als Meister am Schreibtisch. Saison für Saison formte er dank auch eines präzis getimeten Managements Seriensieger.

Auch nur so ist eine Gesamtsiegzahl von 4029 Erfolgen annähernd zu erklären. Als am 15. November 1997 Heinz Jentzsch seinen letzten Starter sattelte, der Fährhofer Campo siegte natürlich unter Peter Schiergen, schwebte ein dicker Hauch Wehmut über dem Weidenpescher Park. Heinz Jentzsch übergab den Schlüssel des Asterblüte-Stalles an seinen Nachfolger Peter Schiergen. Eine 'lebende Legende' verabschiedete sich vom Publikum. Mit einem Satz: «Denken Sie stets daran, Pferde sind auch nur Menschen.»

Das spätere Kurzintermezzo in Mülheim an der Ruhr ist eigentlich nur als Fußnote einer außergewöhnlichen Karriere zu bezeichnen. In Iffezheim konnte er seinem geliebten Hobby der Malerei intensiv nachgehen, zusammen mit seiner Ehefrau Margarethe unternahmen sie viele Reisen im In- und Ausland. Für seine Verdienste für den deutschen Galopprennsport und für die deutsche Vollblutzucht wurde Heinz Jentzsch 1979 mit der Goldenen Medaille des Direktoriums und im Jahr 1992 mit dem Bundesverdienstkreuz 1. Klasse ausgezeichnet.

Als wir ihn während der Großen Woche 2000 zu einer Homestory für die Sport-Welt um einen Termin baten, musste er erst mit seiner Margarethe Rücksprache halten. Nichts Wichtiges, aber Margarethe sollte anwesend sein, denn er gab zu, dass er keinen Kaffee kochen konnte. Doch dafür konnte er einen Japan Cup-Sieger und 4028 weitere trainieren. Was in seinem erfüllten, langen Leben auch wichtiger war.





Quelle: www.galopponline.de

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